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Mittelland

Versöhnliche Herzen

In jenen unseligen Tagen, da sich, wie anderwärts in der Welt, die Eidgenossen um des Glaubens willen gar heftig bekriegten, hatte sich auch die alte, vieltürmige Stadt Solothurn in zwei Glaubensparteien geteilt.

In jenen unseligen Tagen, da sich, wie anderwärts in der Welt, die Eidgenossen um des Glaubens willen gar heftig bekriegten, hatte sich auch die alte, vieltürmige Stadt Solothurn in zwei Glaubensparteien geteilt. Katholische und Reformierte oder Protestanten haßten sich bis aufs Blut, und jede Religionsgemeinschaft suchte die Herrschaft über die Stadt völlig an sich zu bringen. Als aber die Katholischen die Mehrheit und damit die Macht erlangten, schlugen sie den Reformierten ihr Ansuchen um freie Ausübung ihres Gottesdienstes ab. Darüber ergrimmten die Reformierten und planten heimlich einen Gewaltstreich. Eine Stunde vor Mitternacht wollten sie die Kirche und das Waffenhaus besetzen und so sich der Herrschaft über die Stadt gewaltsam bemächtigen. Das vernahm der Schultheiß der Stadt, namens Wengi. Schnell ließ er heimlich die Turmuhr zurückstellen. Dann berief er den Rat zusammen, und bald standen die Katholischen in Wehr und Waffen. Als die Reformierten nun merkten, daß ihr Anschlag verraten sei, lagerten sie sich, ebenfalls wohlgerüstet, jenseits des Flusses. So kam es, daß sich bald beide Parteien der Stadt, die katholische und die reformierte, kampfbereit gegenüberstanden und sich über den Aarefluß hinüber und herüber arg beschimpften und herausforderten. Jetzt holten die Katholiken voll Wut die große Kanone aus dem Zeughaus und richteten sie auf die Reformierten. Ein erster Schuß wurde, zum Glück ohne Schaden, losgebrannt. Aber als nun die Kanone ein zweitesmal, und genauer gerichtet, losgehen sollte, eilte der Bürgermeister Wengi, ein hochgewachsener, wehrhafter Mann, herbei und stellte sich, die Hand aufs Herz legend, vor die Mündung der Kanone und rief: "Soll Bürgerblut fließen, so fließe das meinige zuerst!" Da ließen die Schützen die Arme sinken, und niemand wagte gegen den wackeren Mann aufzutreten. Also kam es, daß die Katholischen mit ihrer Kanone wieder abzogen und zuletzt alles friedlich geschlichtet wurde. Also geschehen im Jahre des Heils 1533 am 30. Weinmonat.

Ungefähr zur selben Zeit lagen die reformierten Zürcher mit den katholischen, sogenannten fünförtigen Eidgenossen von Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug im Kriege um des Glaubens willen. Obwohl sie sich nun als Feinde gegenüberstanden und sich heftig bekriegten, wünschten im Herzen doch die meisten den Frieden, was sich an gar mancher schönen Tat erkennen ließ. So viele, die sich jetzt bekämpfen mußten, hatten einst zusammen die blutigen Kriege im Welschland durchgemacht und brüderlich alle Not und Gefahr geteilt. So kam es, daß sie sich gar wohl kannten, und wenn sie sich nun, in Waffen starrend, an den Grenzen begegneten, so hielten sie wohl zusammen ein Gespräch ab von alter guter Zeit und altem gutem Streit jenseits des Gotthard. Da die Zürcher viel Kriegsvorräte an Wein und Brot hatten, bei den Fünförtigen aber Schmalhans Küchenmeister war, überschritten ab und zu Männer aus den katholischen Ländern die Grenzen absichtlich. Sie wurden dann gefangen, mit Speise und Trank gehörig bewirtet und durften danach wieder unbehelligt in ihr Lager zurückkehren.

Einmal aber, erzählt ein alter Geschichtsschreiber, brachte eine größere Zahl frohgemuter Gesellen aus dem katholischen Lager der Hirten am Vierwaldstättersee eine große Mutte, ein niedriges, aber sehr umfangreiches Holzgefäß, voll Milch zu den Zürchern, die an der Grenze Wache hielten. Sie stellten die Mutte also auf die Grenze, daß die eine Hälfte auf dem katholischen, die andere aber auf reformiertem Boden stand. Dann riefen sie den Zürchern zu, sie hätten wohl eine gute Milch, aber keine Brocken drin.

Da eilte eine Schar Zürcher mit Brot herbei. Sie brockten das Brot in die Milch, und so legten sich nun beide Teile, aber schön innerhalb ihrer Grenzen, bäuchlings ins Gras und begannen zusammen unter fröhlichem Sprücheln und Gelächter die Milchsuppe auszulöffeln. "Wenn aber einer mit seinem Löffel über die Hälfte des Gefäßes hinaus in die Milchsuppe herumlangte, hieb ihm sicher einer von der andern Seite auf die Finger und sagte: "Friß uf dinem Erdrich!"

Der Stadtmeister der beiderseits befreundeten Stadt Straßburg im Elsaß, der als abgeordneter Friedensvermittler dabeistund und auch sonst noch manchen derartigen Scherz miterlebte, sagte bei diesem Anlaß: "Ihr Eidgenossen seid doch wunderliche Leute. Bei aller Zwietracht seid ihr eins und vergeßt der alten Freundschaft nicht."

Textquelle: Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Meinrad Lienert, Stuttgart 1915.


 1567,    24  Feb  2016 ,   Mittelland
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