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Verschiedenes

«Sei kein Esel!»

Esel gelten allgemein als faul. Und das, obwohl die grauen Huftiere schon seit Menschengedenken als Lasttiere gehalten und geschätzt werden. Esel gelten allgemein als stur. Und das, obwohl sogar Jesus auf einem durch Jerusalem  geritten sein soll. Ein Erklärungsversuch, wieso wir dem ältesten Zuchttier des Menschen damit unrecht tun.

«De Gschider git na, de Esel blibt sta.» Ein bekanntes Schweizer Sprichwort, welches den Charakter eines Esels treffend widerspiegeln sollte. Sollte, weil es doch nicht ganz zutreffend ist.  Denn auch wenn die Vierbeiner durchaus Züge von Sturheit, Faulheit oder gar leichter Arroganz aufweisen können, so machen wir es uns doch sehr einfach, den Esel allgemein als stur abzuschlachten. Denn das Tier ist dem Menschen in vieler Hinsicht ähnlich und so ist es nur verständlich, dass der Graue nicht alles mit sich machen lässt.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Nimmt man ihn aus seinem behaglichen Umfeld, wo ihn jeder kennt und schätzen gelernt hat, so wird er schnell bockig, will das Neue nicht akzeptieren und kehrt schnellstmöglich wieder in seinen Alltag zurück. Ähnliches geht in einem Esel vor.  Wenn das Zuchttier Jahre auf einer Wiese verbrachte und sich Tag für Tag den Wanzen vollschlagen konnte, so ist es nicht verwunderlich, dass er eines schönen Tages den Wagen nicht ziehen will, den sein Halter extra für ihn anfertigen liess. Denn er hat Angst, der Esel, und kann die Gefahr, welche von dem extra für ihn angefertigten Wagen ausgeht, nicht einschätzen. Und so kommt es, dass er bockig wird, das Neue nicht akzeptieren und schnellstmöglich in seinen Alltag zurückkehren will: Die grüne Wiese, wo er sich den ganzen Tag den Wanzen vollschlagen kann.

Der Esel hat seinen Entschluss, den Wagen nicht zu ziehen, also gefasst und fährt damit am besten. Denn er ist es sich gewohnt, selbständig Entscheidungen zu fällen. Die Tiere sind nämlich seit jeher als eigenständig bekannt und kennen keine Hierarchien in der Gruppe. Wenn eine Herde in freier Wildbahn zum Beispiel Richtung Norden geht, so ist es fast schon üblich, dass sich mindestens ein Kollege vom Rest der Gruppe verabschiedet, weil er lieber in den warmen Süden zieht.

Mit Sturheit hat das wenig zu tun. Dies ist vielmehr ein Zeichen von Intelligenz und eigenem Wille. Unser Ziel sollte also nicht sein, dem Esel seinen Willen zu rauben. Vielmehr müssen wir für sein Verhalten Verständnis aufbringen und ihn langsam an Neues heranlassen. Ansonsten bekommt es der Graue mit der Angst zu tun und verhält sich, wie der Mensch auch, stur und eigensinnig.

Mit ein wenig Geduld merkt man dann schnell, dass das Sprichwort «De Gschider git na, de Esel blibt sta.» so nicht stimmt. Vielmehr sollte es heissen: «De Gschider git na und de Esel brucht no es bizeli, bis er mekrt, dass er besser au sötti nagä.»
 
 
Oliver Varga

 2339,    27  Jun  2016 ,   Verschiedenes
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