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Kultur & Feste

«Am Pfingstmorgen treiben sich seltsame Wesen im Dorf herum»

«Am Pfingstmorgen treiben sich seltsame Wesen im Dorf herum. Die Pfingstblütter teilen ihren Segen mit Brunnenwasser an die Schaulustigen aus und erweisen den Anwesenden durch Verneigen die Reverenz.» Worte aus dem Jahre 1883, aus der Ettinger Heimatkunde, die einen Nordwestschweizer Brauch etwas näher beschreiben: Pfingstblitter, Pfingstspützlig oder eben Pfingstblütter.

Einigen wir uns der Einfachheit wegen einfach auf den Begriff «Pfingstblitter», eine Tradition, die in Ettingen, Sulz und Gansingen jährlich an Pfingsten gelebt wird. Dabei zieht jeweils eine Schar junge Männer bereits früh morgens in den Wald und trifft die Vorbereitungen für den  kommenden Tag. An erster Stelle steht das Holzsammeln. Die Jungs schneiden Äste von den Bäumen, die dicht mit grünen Blättern geschmückt sind, und hängen sich diese um. Dies mag jetzt etwas einfältig und simpel wirken. Doch die Männertruppe erledigt die Arbeit mit viel Herz, sodass die fertigen Pfingstblitter schlussendlich kaum mehr von einem buschigen Gestrüpp zu unterscheiden sind.

Die fertigen Waldgeister machen sich dann auf den Weg zurück ins Dorf und fangen die Bewohner auf ihrem Rückweg vom Gottesdienst ab. Mit viel Radau marschieren die wandelnden Büsche durchs Dorf und kommen dabei in den Genuss von reichlich Alkohol, den ihnen die Menschen der Kommune grosszügig verabreichen. Früher verneigten sich die Pfingstblitter als Zeichen der Hochachtung und wurden, um das Gemüt wieder zu beruhigen, am Schluss des Umzugs in den Brunnen geworfen. Im Laufe der Zeit wurde die Brunnentaufe aber umgekehrt: Die zu Gebüsch gewordenen Junggesellen netzen ihre Äste im Brunnen und bespritzen die Dorfbewohner mit Wasser. Dabei werfen die Waldgeister primär ein Auge auf die jungen Frauen im Dorf. Nicht selten landet so auch mal ein Objekt der Begierde unter lautem Gejohle selbst im Brunnen, weil die Flucht von den Pfingstblittern fehlschlug.

Am Ende des Umzugs baden sich die grünen Buschgestalten freiwillig im Brunnen und werden danach von den Dorfbewohnern verpflegt. Pfingstblitter, ein Schweizer Brauch, an dem auch Ortsfremde herzlich willkommen sind.

Oliver Varga


 2043,    13  Feb  2018 ,   Kultur & Feste
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