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Design & Architektur

Torsio

Hanspeter Steiger, geboren 1970, hat nach einer Berufslehre als Möbelschreiner von 1994 bis 1996 an der Schule für Gestaltung in Basel und später am National College of Art and Design in Oslo Möbeldesign und Innenarchitektur studiert. An der Dänischen Designschule in Kopenhagen vervollständigte er sein Wissen über nordisches Design und schloss 2000 seine Studien mit dem Diplom ab. Seit 2001 führt Hanspeter Steiger ein eigenes Atelier für Innenarchitektur und Möbeldesign in Zürich. Sein Stuhl «Torsio» wurde mit dem «iF Design Award» ausgezeichnet.

von Gabrielle Boller

Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl – so könnte man meinen. Meist hat er vier Beine, hat eine Sitzfläche und eine Rückenlehne, manchmal noch zwei Armstützen. Wenig Spielraum für Design also? Mitnichten, denn Stühle gehören mit zu den beliebtesten Möbeln für Entwerfer – vielleicht gerade, weil sie in ihrer Selbstverständlichkeit immer wieder eine Herausforderung darstellen. Da kann man doch noch etwas besser machen, auch ohne gleich etwas Wesensfremdes aufzupfropfen. So geht die Entwicklung beim Stuhldesign meist in Richtung einer Verbesserung der Funktionalität. Wie macht man die bescheidenste aller Sitzgelegenheiten noch schlanker, wie ein bisschen eleganter und bequemer? Welche Materialien soll man verwenden, damit Stühle möglichst leicht und widerstandsfähig werden? Wie soll man sie konstruieren, um sie gegebenenfalls auch platzsparend stapeln zu können? Und wie können Stühle, diese doch spröden Gesellen, die Sinne ansprechen? Ganz, wie es sich Christian Morgenstern dachte, als er schrieb: «Wenn ich sitze, will ich nicht sitzen, wie mein Sitz-Fleisch möchte, sondern wie mein Sitz-Geist sich, sässe er, den Stuhl sich flöchte ...»

Hanspeter Steiger kam bei solchen Überlegungen im wahren Sinne des Wortes auf einen raffinierten kleinen Dreh: Sein 2002 entwickelter Stuhl «Torsio», der aus zwei Formsperrholzteilen besteht und ohne Metallverbindungen auskommt, zeigt an der Rückenlehne in der Fortsetzung der hinteren Stuhlbeine eine Windung, wie man sie etwa von alten Gartenstühlen her kennt. Sie verleiht dem Stuhl einen überaus eleganten Schwung, erhöht aber auch den Komfort beim Sitzen, da auf diese Weise der Rücken seitlich unauffällig abstützt wird. Das sieht so selbstverständlich nonchalant aus, ist aber Resultat einer zweijährigen Entwicklungszeit, bei der das Team der feinen Schreinerei Röthlisberger an Hanspeter Steigers Entwurf tüftelte, der geschickt das Biege- und Torsionsvermögen der Schichtholztechnik ausnutzt. Die weich gebogene Rückenlehne und die abgerundete Sitzfläche, im Ganzen so flexibel wie stabil, lassen den «Torsio», den unaufgeregt noblen Stuhl, auch in schicken Restaurants und edlen New Yorker Repräsentationsräumen eine gute Figur machen.

Die Schlichtcheit und Stringenz des «Torsio» ist charakteristisch für Hanspeter Steigers Entwürfe, der mit seinen Produkten, wie er sagt, die Umwelt nicht mit unsinnigem Materialverbrauch belasten möchte. Wie so etwas auch in gewitzten Details aufscheinen kann, zeigt sich etwa bei seiner Leuchte «Lampetia», deren Standfuss wie ein sorgfältig in Form gelegtes Drahtband aussieht, in dem das Stromkabel diskret verschwindet und direkt zur Lichtquelle führt. Leicht und filigran wirken denn auch alle seine Entwürfe, so charmant wie in den 1950ern, mit ihrem Sinn fürs Praktische aber für alle Ansprüche des heutigen Alltags gewappnet.


 1588,    07  Jun  2017 ,   Design & Architektur
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