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Design & Architektur

Designer: Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand (1928)

Fauteuil à dossier basculant

Charles-Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als Le Corbusier, wurde 1887 in La Chaux-de-Fonds geboren. Er war einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts; seine Ideen einer zweckmässigen und wirtschaftlichen Architektur sind heute aber auch umstritten. Neben Einzelbauten realisierte er, wie im indischen Chandigarh, auch städtebauliche Projekte und entwickelte in seinen Schriften einflussreiche Architekturtheorien – bekannt ist sein «Modulor», eine neue universelle Masseinheit. Le Corbusier starb 1965 in Frankreich.

von Gabrielle Boller

Das besondere Detail am eleganten Sessel aus Stahlrohr ist die kleine Kurve des Verbindungsstücks, an dem sowohl Sitzfläche wie Rückenlehne befestigt sind. Die einzige Biegung in der sonst rechtwinkligen Konstruktion hat – wie könnte es bei einem Rationalisten wie Le Corbusier auch anders sein – natürlich einen Zweck: dank ihr kann die Rückenlehne mit ihren drehbaren seitlichen Aufhängungen formschön vorgeschoben werden, was die Bequemlichkeit des Fauteuils erhöhen soll. Zusammen mit der nach hinten abgesenkten Sitzfläche bildet die kippbare Rückenlehne eine schnittige Form, die, mit kernigem Leder oder auch geflecktem Kuhfell bespannt, eine rustikale, das Ursprüngliche betonende Note erhält. Den Sitzenden wird jedoch trotz allen Komforts eine gewisse Beweglichkeit abgefordert – das Aufstehen aus dem tiefgelegten Sessel gestaltet sich mindestens so sportlich wie das aus den Sitzen eines Ferraris. Die kompromisslose Funktionalität der Moderne hat Rückenbeschwerden eben nicht vorgesehen.

Wer klaren Wohnraum schafft, der benötigt auch entsprechendes Mobiliar – Le Corbusier, der wohl einflussreichste Architekt und Theoretiker des aufs Wesentliche reduzierten Bauens im 20. Jahrhundert, konnte keine plüschigen Sofas in seinen klar strukturierten Räumen dulden. Um auch im Bereich der Innenausstattung seine Vorstellungen umsetzen zu können, erarbeitete er zusammen mit seinem Cousin Pierre Jeanneret und der Architektin Charlotte Perriand in den 1920er Jahren ein Möbelprogramm, das eine Reihe zeitlos wirkender Entwürfe umfasst – wie etwa die berühmte «Chaiselongue», die heute noch zur Zierde jeder Bibliothek und jeder psychiatrischen Praxis gereicht. Wie die Liege verkörpert auch der «Fauteuil à dossier basculant» mit seiner damals bei der Avantgarde des Möbeldesigns allgemein beliebten Stahlrohrkonstruktion einen für die Massenproduktion geeigneten Typus von Möbel, der mit spröder Eleganz und dem reduzierten, funktionalen, ja geradezu hygienischen Aussehen von Spitalmobiliar die kühle Ästhetik einer auf industriellen Fortschritt ausgerichteten Epoche spiegelt. Inspiriert wurde das Architektenteam bei ihrem Entwurf von einem robusten Klappstuhl, dem sogenannten Kolonialsessel, wie er von britischen Offizieren in den indischen Kolonien im Gelände genutzt wurde – die bewegliche Rückenlehne und die als Armstützen dienenden Ledergurte sind gemeinsame Merkmale des Fauteuils und des Feldstuhls, den Le Corbusier ursprünglich ebenfalls zur Einrichtung seiner Häuser nutzte. Der heute auch als LC1 bekannten Fauteuil wurde erstmals 1928 für die Villa Church im französischen Villed’Avray hergestellt. Obwohl die Möbel damals wie heute für einen edlen, exklusiven Einrichtungsstil stehen, waren sie ursprünglich dank der Möglichkeiten industrieller Fertigung dazu ausersehen, breiteren Schichten bessere Wohnverhältnisse zu ermöglichen.


 1987,    25  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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