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Design & Architektur

Die Schuhkippe

Hanspeter Weidmann wurde 1958 in Schlieren geboren. Nach einem Jurastudium an der Universität Zürich absolvierte er ein Praktikum als Bootsbauer und Hochbauzeichner, 1983 bis 1985 besuchte er die Höhere Schule für Gestaltung in Basel. Noch vor dem Diplom gelang ihm mit seiner Schuhkippe ein Erfolgsmodell, aus dem eine Staumöbelkollektion entstand. 1986 eröffnete er ein eigenes Atelier in Basel. Er arbeitet als Gestalter für verschiedene Firmen und schuf unter anderem auch eine Beschilderung für den Basler Zoo. 1991 erhielt er den Schweizer Designpreis.

von Gabrielle Boller

Zu den grössten Problemzonen von Mietwohnungen gehören notorisch schmale Korridore, die, besonders wenn man hier die Schuhsammlung einer mehrköpfigen Familie unterbringen will, selten einen angenehmen und wohlgeordneten Anblick bieten. Obwohl ein Haufen nachlässig hingeworfener, womöglich noch ein bisschen schmutzverkrusteter und vor sich hin müffelnder Schuhe im Flur nicht unbedingt einladend wirkt, ist es oft genau dieses Szenario, das sich einem beim Betreten einer Wohnung ins Blickfeld drängt. Doch wie soll man Ordnung in die Schuhablage bringen, wenn die üblichen Regale und Schränke so wuchtig und sperrig sind, dass man sich bei standardmässiger Möblierung im Entree bald einmal kaum mehr rühren kann? Solche Überlegungen standen für Hanspeter Weidmann im Zentrum, als er sich, noch während seines Studiums, mit der Konstruktion eines Schuhregals beschäftigte. Und dabei gelang ihm etwas, das man gemeinhin als «genialen Wurf» bezeichnet: Er entwickelte 1984 eine unprätentiöse, praktische und überall platzsparend zu installierende Kippe zur Schuhaufbewahrung. Zehn Paar Schuhe lassen sich in dem aus drei einfachen Stahlblech-Formelementen zusammengesetzten Kasten übersichtlich verstauen. Ein beherzter Griff an die zentrale Zugstange mit Spiralfederpuffer am unteren Ende genügt, um alle Fächer gleichzeitig zu öffnen und eine fein säuberlich geordnete Schuhkollektion präsentiert zu erhalten. Die Schuhe kippen dabei von einer vertikalen in eine horizontale Position, von den Spitzen auf die Sohlen, sodass sie wiederum mit einem Handgriff bequem gepackt und ihrem Behältnis entnommen werden können. Dank diesem Kippmechanismus benötigt die smarte, gut belüftete und leicht zu reinigende Schuhgarage gerade mal sechzehn Zentimeter Tiefe, um auch in beengten Raumverhältnissen dem Schuhchaos ein Ende zu bereiten – nur extreme Plateau-High-Heels lassen sich da vielleicht nicht mehr ganz sachgerecht unterbringen, aber die sind ja ohnehin nicht für den täglichen Gebrauch gedacht.

Hanspeter Weidmann hat es mit dem Entwurf seiner Schuhkippe geschafft, aus einem nicht besonders glanzvollen Möbelstück – Stauraummöbel wie Putzschränke, Garderoben oder Schuhgestelle fristen ja geradezu ein Aschenputteldasein unter den prestigeträchtigeren Objekten wie Tischen, Stühlen oder Kleiderschränken – einen begehrten, oft kopierten Designklassiker zu schaffen. Die präzise Bestimmung des Zwecks und die Wahl eines funktionalen, für die serielle Herstellung geeigneten Materials führten zu einem aufs Wesentliche reduzierten Möbelstück, das einem tatsächlichen Bedürfnis entspricht. Bis heute ist die Schuhkippe aus verzinktem Stahlbleich mit ihrem kruden Industrieschick – auch wenn es sie inzwischen in Farben von Pistache bis Feuerrot gibt – eine Art Visitenkarte im Entree, die zeigt, dass gutes Design keine Nebenschauplätze kennt, oder, wie Hanspeter Weidmann einmal meinte: «Das Leben des Produkts beginnt in der Umgebung der Personen, die es mögen.»


 1984,    01  Sep  2016 ,   Design & Architektur

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