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Design & Architektur

Architekt: Peter Zumthor

Die Kapelle Sogn Benedetg

Peter Zumthor wurde 1943 in Basel geboren und absolvierte eine Lehre als Möbelschreiner. Später studierte er Innenarchitektur sowie Architektur und Industrial Design. Während zehn Jahren arbeitete er als Denkmalpfleger des Kantons Graubünden und 1979 gründete er sein eigenes Architekturbüro in Graubünden. 2009 erhielt er den Pritzker-Preis, einen der wichtigsten Architekturpreise der Gegenwart. Zu seinen bekanntesten Bauten gehören die Therme Vals, das Kunsthaus Bregenz, der Schweizer Pavillon an der Expo 2000 in Hannover und das Kunstmuseum Kolumba in Köln. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

von Gabrielle Boller

Die Caplutta Sogn Benedetg, die Kapelle des heiligen Benedikt oberhalb von Sumvitg im Kanton Graubünden, ist entstanden, bevor Peter Zumthor zum grossen Star der Schweizer Architekturszene aufsteigen sollte. Der bescheiden anmutende kleine Bau von 1988 bildet jedoch eine erste wichtige Wegmarke in Zumthors konsequentem Werk, versammelt er doch in der Essenz all das, was die Besonderheit seiner Gebäude ausmacht: die Sorgfalt in Bezug auf die verwendeten Materialien, der behutsame Bezug zu Landschaft und Tradition des Orts und die kompromisslose Strenge, die seine Bauten zu singulären Erscheinungen im allgemeinen Getöse und Gewimmel zeitgenössischer Architektur werden lässt. Die aus Holz gebaute Kapelle, die hier anstelle eines von einer Lawine zerstörten Vorgängerbaus errichtet wurde, ist denn an Schlichtheit auch kaum zu überbieten – und verlockt dennoch zu mancherlei bildhaften Assoziationen. Von aussen anzusehen wie eine schützende Kapsel in der rauen Bergwelt der Surselva, zeigt sich das einräumige Gebäude mit dem tropfenförmigen Grundriss im Innern mit einer organischen Struktur, die an ein Blatt erinnert. Frei stehende Holzstützen tragen ein Dach, dessen Stabwerk sich wie die Rippen eines Laubblatts ausnimmt, aber auch an die Spanten eines Bootskeletts erinnert – nicht von ungefähr spricht Zumthor selbst davon, in den hölzernen Körper würde man, losgelöst vom festen Grund, wie in ein Boot steigen. Unter dem Dach zieht sich ein Fensterband um den gerundeten Raum und beleuchtet sanft die kostbar schimmernde silberne Wand, die sich hinter den Stützen durchzieht. Andacht muss hier nicht durch bedeutungsvolle Insignien herbeigefuchtelt werden, sie stellt sich ein, wenn man den Raum betritt; würde vor dem aussen mit Schindeln in der Manier der traditionellen Bauweise verkleideten Gebäude nicht der schmale Glockenträger stehen, die Kapelle unterschiede sich mit ihrem nachdunkelnden Holz kaum von den umstehenden Gebäuden.

Will man Prädikate vergeben, wie es ja gerne gemacht wird, so gilt Peter Zumthor als der Mystiker unter den Architekten, denn seine Bauten erschliessen sich zumeist auch über eine Ebene der Zeichen und Symbole. Zugleich bleibt er aber sehr konkret dem Sinnlichen, ja Taktilen verpflichtetet, wenn er Baumaterialien – sehr oft Holz oder Stein – so verwendet, dass man glaubt, die ureigenen Qualitäten des Materials würden erst durch ihre Verwendung in einem seiner Gebäude richtig sichtbar. So hebt sich auch sein wohl bekanntestes Werk, die Therme von Vals, entschieden von den kulissenhaften Spassbädern der Wellnessgesellschaft ab und zwingt die Besucher geradezu zur Sammlung und Einkehr in den kavernenartigen ruhigen und klaren Räumen, bestimmt vom geschichteten Valser Gneis. Würde es nicht so pathetisch klingen, möchte man fast sagen, dass wer hier badet, ein bisschen erlebt, was es heisst, auf seine eigene Existenz zurückgeworfen zu sein.


 3357,    29  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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