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Design & Architektur

Design: Susi und Ueli Berger

Der Schubladenstapel

Susi Berger-Wyss, geboren 1938 in Luzern, arbeitete nach ihrer Heirat mit Ueli Berger 1962 als Grafikerin und Gestalterin. Ueli Berger wurde 1937 in Bern geboren und war nach einer Malerlehre bei verschiedenen Architekten, als Industriedesigner, als Lehrbeauftragter für Gestaltung an der ETH Zürich und als freischaffender Künstler tätig. In Zusammenarbeit entwickelte das Designerpaar während vierzig Jahren raffinierte Möbelentwürfe. Ueli Berger ist 2008 in Bern gestorben; zwei Jahre später, 2010 wurden Susi und Ueli Berger mit dem Schweizer Grand Prix Design des Bundesamts für Kultur für ihr Lebenswerk geehrt.

von Gabrielle Boller

Wer hat denn da an der Kommode gerüttelt? Das möchte man sich angesichts des leicht aus den Fugen geratenen Schubladenstocks von Susi und Ueli Berger fragen. Denn auch wenn man inzwischen Dekonstruiertes gewohnt und der 1981 entworfene «Schubladenstapel» längst ein Klassiker des Möbeldesigns ist, nimmt sich das skulpturale Objekt in der Ecke eines gepflegten Wohnzimmers immer noch wie eine kleine Ordnungsstörung aus. Dazu Inspiriert worden sei sie bei einem Besuch im Brockenhaus, sagte Susi Berger einmal in einem Interview, als sie einen Stapel mit herausgezogenen Schubkästen eines Schranks entdeckte und von der zufälligen Form angetan war. Das Objekt, das die beiden Designer nach dieser Idee aus edel gemasertem Palisanderfurnier entwarfen, ist denn auch eigentlich eine klassische Wochenkommode mit sieben Schubkästen, wie man sie früher zur Aufbewahrung der Wäsche benutzte. Nur ist das traditionelle Möbel etwas derangiert, die unterschiedlich gossen Schubkästen sind in versetzter Ausrichtung aufeinandergeschichtet, sodass die kugeligen schwarzen Kunststoffgriffe zu tanzen scheinen, während das diagonal verarbeitete Holz die vor- und zurückspringenden Konturen mit ihrem geflammten Muster zusammenhält.

Eine sanfte Irritation, gewiss, doch damals, in den 1960er Jahren, als das Schweizer Design in der Nachkriegsmoderne fast unisono der «Guten Form» huldigte – schlicht und funktional, schnörkellos und klar mussten die Dinge sein –, war es ganz schön frech, was sich Susi und Ueli Berger da herausnahmen. Plötzlich kamen zwei junge Wilde, die das Interieurdesign mit bunter Pop-Art aufmischten! Inspiriert von der aus den USA stammenden Kunstrichtung, entstand so 1967 zuerst der Soft-Chair, ein knuffiger, vinylglänzender Sessel, der sich aufreihen und zu einer Sofalandschaft zusammenstellen liess. Im damaligen Kontext war das geradezu revolutionär, denn als noch nicht jede Hotellobby eine Kuschelzone für die ständig übermüdete Gesellschaft bereithielt und öffentliches Sitzen noch sittsam zu sein hatte, schien ein Möbel für bodennahes Herumlungern ziemlich anrüchig. Auf den Fauteuil folgte 1970 die plastisch durchgeformte Wolkenlampe aus Polystyrol, plakativ wie aus einem Comic und gleichzeitig so poetisch, dass sie bis heute Designer zu neuen Leuchtobjekten inspiriert. Das Ehepaar Berger schuf mit ein bisschen hinterhältigem Humor eine ganze Reihe von Möbeln und Objekten, die bei aller Verspieltheit aber immer funktional und zweckmässig blieben. Beide Partner arbeiteten daneben unabhängig in verschiedenen Bereichen von Design und Kunst, setzten feine, spielerische Zeichen auch in den öffentlichen Raum. Mancher Bernbesucher wird sich noch an die in den Asphalt eingesunkenen Milchkannen von Ueli Berger erinnern, eine Hommage an das alte Milchgässli, einst Umschlagplatz für den Milchhandel und längst verschwunden, wie seit der Umgestaltung des Bahnhofplatzes auch die Kunst.


 1623,    29  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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