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Design & Architektur

Der «S.-T.-Tisch»

Jürg Bally (1923–2002) studierte 1945 bis 1948 Architektur an der ETH Zürich. Nach einem Aufenthalt in New York eröffnete er Mitte der Fünfzigerjahre ein eigenes Atelier für Design und Innenarchitektur in Zürich, später kamen mehrere Ladengeschäfte dazu. Er entwarf Möbel für die Zürcher Werkgenossenschaft «Wohnhilfe» und für private wie öffentliche Auftraggeber, oft für Fernwehorte des anbrechenden Reisezeitalters wie etwa für das Rheinschiff «Basilea» und die «Bye Bye Bar» im Flughafen Kloten, oder auch für das Nestlé­Verwaltungsgebäude in Vevey.

von Gabrielle Boller

Dass es ein Tisch in den Adelsstand der Möbelikonen schafft, ist eine seltene Ehre. Zu wenig Spielraum überlässt die Konstruktion, die ja vor allem Stabilität gewähren muss, im Normallfall dem Designer. Gut, es gibt interessante Ausziehtische und spielerische Beinlösungen, aber kaum ein Tisch kann über seine funktionalen Eigenschaften hinaus auch das Gemüt begeistern. Beim «S.-T.-Tisch» von Jürg Bally, entworfen 1951, ist aber genau das der Fall; er ist ein so anmutiges wie praktisches Möbelstück, das sogleich zahlreiche Assoziationen weckt. Er ist, wie bei Tischgesellschaften immer beliebt, rund, mit einem Durchmesser von einem Meter, damit niemand abseits bleibt. Als Vorläufer erkennt man unschwer den Kolonialtisch von Hans Bellmann oder die dreibeinigen Klapphocker reisender Schriftsteller, die allesamt von Lagerfeuer und fernen Ländern erzählen. Der «S.-T.-Tisch» lässt sich jedoch nicht nur zusammenklappen, sondern auch mit vollem Kaffee- und Kuchengedeck in der Höhe von 42 bis 74 Zentimeter verstellen, sodass man ihn sowohl als Couch- wie auch Beistell- oder Esstisch nutzen kann. Seit 2014 stellt ihn die Möbelmanufaktur Horgenglarus in einer originalgetreuen Neuedition mit weiterentwickeltem Aufzugsmechanismus wieder her und perfektionierte dabei den «anspruchsvollen Bewegungsablauf von einem radialen zu einem vertikalen Kraftfluss». Doch so etwas braucht einem keine Sorgen zu machen, denn die ganze technische Raffinesse ist versteckt – der Mechanismus kann mit einem Hebel, der unsichtbar unter dem mit farbigem Linoleum beschichteten Tischblatt angebracht ist, einhändig bedient werden. So hat der «S.-T.-Tisch» die Anmutung einer Scheibe, die über dreisanft organisch geformten, überkreuzten Tischbeinen aus Nussbaumholz wie über einem Mikadospiel schwebt – und hat dabei gleichzeitig auch ein bisschen etwas von einem auf drei Fingern leichthändig balancierten Tablett.

Der flexible, multifunktionale und grazile «S.-T.-Tisch» entspricht mit seiner nonchalanten Eleganz den Bedürfnissen mobilen modernen Wohnens auf engerem Raum in der Aufbruchsstimmung der Fünfzigerjahre. Jürg Bally gehörte wie Hans Eichenberger, Willy Guhl oder Kurt Thut zu jener Gruppe junger Schweizer Gestalter, die sich vom rigiden Stil der Vorkriegsmoderne mit ihrem kruden Stahlrohrfetischismus verabschiedete und stattdessen Modernität mit Transparenz, Leichtigkeit und einer gewissen Verspieltheit bei selbstredend stets gewährleisteter Funktionalität übersetzte. Praktische konstruktive Lösungen wie etwa ein Bücherregal mit Spannstützen waren eine Spezialität von Jürg Bally, der für seinen «S.-T.-Tisch» 1955 die Auszeichnung «Die gute Form» erhielt. Kein Wunder, erklärt doch sein Name nicht nur seine Funktion als Essund Teetisch, sondern phonetisch auch gleich sein Aussehen, das ohne Zweifel sehr «ästhetisch» ist.


 1754,    07  Jun  2017 ,   Design & Architektur
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