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Design & Architektur

Designer: Willy Guhl

Der Gartensessel

Willy Guhl wurde 1915 in Stein am Rhein geboren. Er absolvierte eine Schreinerlehre, bevor er die Kunstgewerbeschule in Zürich besuchte, an der er später als Lehrer für Innenausbau tätig war. Neben seiner Lehrtätigkeit arbeitete er an vielen Aufträgen aus der Industrie, wobei sein Interesse neuen Produktionsmethoden und der suche nach der ergonomisch richtigen Form galt. Willy Guhl wurde zu einem der einflussreichsten Industriedesigner der Schweiz. Er starb 2002 in Hemishofen.

von Gabrielle Boller

Eine elegant geschwungene Schlaufe aus krudem Beton – die Form hätte auch das Zeug zu einer modernen Skulptur, doch Willy Guhl, einer der einflussreichsten Industriedesigner der Schweiz, gestaltete hier aus ungewöhnlichem Material etwas Funktionales: ein Sitzmöbel, seinen Strandstuhl, auch Gartensessel genannt. Mit einer tiefen, die Körperkonturen nachzeichnenden Mulde lädt er zum Hineinliegen ein, und dank der gebogenen Standfläche erlaubt er sogar ein leichtes Wippen. Zum gemütlichen Schaukelstuhl wird das kühne Objekt allerdings trotz der ergonomisch anmutenden Form nicht – sein Material, kühl, hart und gerne auch ein bisschen feucht, ist, zumindest ohne Sitzauflage, gewiss nichts für die heutzutage gerne zu Kuschelzonen mit Lammfelldekor umgestalteten Terrassen. Entsprechend schreibt ein Möbelanbieter, der Sessel sei am schönsten im Winter, wenn er «entrückt, mit feinpudriger Schneehaube» an überschwänglich verlebte Sommerabende erinnere.

Nun, dieser Sessel stammt aus einer Zeit, als Beton noch keinen schlechten Ruf hatte, sondern im sogenannten Brutalismus in der Architektur als das Baumaterial der Zukunft gefeiert wurde. Die Konstruktion sollte am Gebäude ablesbar und die Bausubstanz sichtbar sein. Dabei ist dem rohen Beton oft ein Zug ins Archaische eigen, was auch dem Gartensessel von Willy Guhl seine spezielle Anmutung zwischen radikaler Modernität und organischer Gewachsenheit verleiht – verstärkt noch durch eine Patina aus Moos und Flechten, die sich über die Jahre durchaus erwünscht auf der Oberfläche bilden kann.

Entstanden ist der Sessel 1954 in Zusammenarbeit mit der Firma Eternit, für die Willy Guhl auch etwa die als «Elefantenohr» bekannte Pflanzschale und einen spindelförmigen Standaschenbecher entworfen hat. In der Nachkriegszeit, als die Freizeit neu entdeckt wurde und man sich vermehrt auch draussen vergnügen wollte, entwickelte der Designer zur Möblierung der Aussenräume preisgünstiges Gartenmobiliar aus Faserzement. Der Gartensessel etwa entspricht in seiner Abwicklung genau den Massen einer maschinell hergestellten Zementplatte – in noch nassem Zustand wird sie in einem einzigen Arbeitsgang geformt, ihre Zugund Bruchfestigkeit erlaubt die Gestaltung einer freischwingenden, ohne jegliche Stützkonstruktion auskommenden Endlosschleife.

Doch das perfekt scheinende Material, das leichte Formbarkeit mit robuster Unverwüstlichkeit paarte, kam schon Ende der siebziger Jahre wegen seines Gehalts an hochgiftigem Asbest in Verruf – was auch das vorläufige Ende für Guhls Gartensessel bedeutete. 1998 gestaltete der Designer aus inzwischen asbestfreiem Faserzement eine leicht modifizierte Neufassung seines Klassikers; zwei Einsenkungen stabilisieren nun das weniger strapazierfähige Material. Was aber unverändert bleibt, ist die beispielhafte Übereinstimmung von Material, Form und Funktion, die Willy Guhls Gartensessel zur zeitlosen Design-Ikone macht.


 1891,    25  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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