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Design & Architektur

Das Suva-Haus

Otto Rudolf Salvisberg wurde 1882 in Köniz bei Bern geboren. Nach seinem Diplom als Bauzeichner am Technikum Biel studierte er in München und Karlsruhe. 1914 gründete er in Berlin ein eigenes Büro und realisierte zusammen mit Otto Brechbühl mehrere Wohnsiedlungen, darunter Piesteritz. Zurück in Bern arbeitete er weiterhin mit Brechbühl zusammen und baute von 1926 bis 1930 das wegweisend moderne LorySpital. 1929 wurde er als Nachfolger Karl Mosers Professor an der ETH Zürich und errichtete unter anderem das dortige Maschinenlaboratorium. 1940 starb er in Arosa an einem Herzschlag.

von Gabrielle Boller

Mit Schwung wölbt sich die hell schimmernde Fassade dieses Gebäudes an der Kreuzung von Seilerund Laupenstrasse in Bern, stolz, kühn, grossstädtisch – gerade so, als ob hier einmal die Moderne eingeläutet worden wäre. Das von Otto Rudolf Salvisberg entworfene und zusammen mit seinem Büropartner Otto Brechbühl 1930/31 realisierte Suva-Haus war auch tatsächlich der Versuch, in der Schweizer Hauptstadt weltläufiges Flair zu etablieren – doch die Gegend westlich von Bahnhof und Bubenbergplatz ist bis heute irgendwie Niemandsland geblieben, da kann Salvisbergs Verwaltungsgebäude noch so viel urbanen Schick verströmen. Der Berner Architekt hatte sich zuvor in Berlin hauptsächlich mit Villen und Siedlungsbau hervorgetan und hatte mit seinem richtungweisenden Bau des Lory-Spitals dem Neuen Bauen auch in Bern bereits Impulse verliehen, galt aber als Vertreter einer gemässigten Moderne. Er suchte das «taktvolle Einordnen der Bauten in ihre Umgebung, das Feingefühl für Struktur und Farbe, für Sauberkeit und Pflege des Details und werkgerechter Technik». So zeigt sich das Suva-Haus denn als zwar eigensinnig in dieses Kreuzungseck eingespannt und nicht etwa dem Strassenverlauf folgend, doch trotzdem ins Vokabular des städtischen Häuserverbunds eingebunden. Der Bogen der Fassade ist gefasst von zwei wie Pilaster hervortretenden Treppentürmen – «Ellenbogen, mit denen sich die fast berlinisch-effektvolle, mit Travertinplatten verkleidete HorizontalenFassade nach beiden Seiten Platz schafft», so ein zeitgenössischer Kommentar. Das Sockelgeschoss mit Schaufensterfront ist ein wenig nach vorne gerückt und mit auskragenden Deckplatten geschützt, das Dachgeschoss hingegen vom Gebäudekörper zurückversetzt, was dem Ganzen Leichtigkeit verleiht und die mittleren Geschosse wie ein elegant in der Schwebe gehaltenes Band wirken lässt. Die dank der Krümmung entstandene Verkürzung der Nordfassade sollte aber nicht nur grosszügig und dynamisch wirken, sondern auch den Licht und Sonneneinfall begünstigen, und die Rasterung der Fenster die Struktur des zugrunde liegenden Eisenskelettbaus nach aussen sichtbar werden lassen. 1940 entwickelte Otto Rudolf Salvisberg in der Folge beim mondänen Geschäftshaus Bleicherhof in Zürich mit strenger Fassadenrasterung und Kolonnaden einen Prototyp des modernen Geschäftshauses. Als Nachfolger auf die Professur von Karl Moser an der ETH Zürich wurde Otto Rudolf Salvisberg radikaleren Neuerern vorgezogen, von der Geschichtsschreibung hingegen lange Zeit ein wenig wie ein Stiefkind behandelt, da er mit der architektonischen Tradition nicht markant gebrochen hatte. Schaut man sich seine Bauten heute an, erkennt man aber in ihrer den Prinzipien von Ästhetik und Funktionalität verpflichteten formalen Ausgewogenheit eine die Zeit überdauernde, sehr aktuelle Modernität.


 342,    07  Jun  2017 ,   Design & Architektur
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