Username *
Password *
an mich erinnern

Design & Architektur

Architektin: Tilla Theus

Das Hotel Widder in Zürich

Dass Tilla Theus da Mitte der 1980er Jahre vor einer kniffligen Aufgabe stand, lässt schon die Projektbeschreibung vermuten: «Es galt, in ein kleinzelliges und denkmalpflegerisch sensibles Altstadtquartier die Grossorganisation eines Luxushotels architektonisch profiliert, städtebaulich harmonisch und betriebsökonomisch sinnvoll zu integrieren.» Ein ambitioniertes Unterfangen fürwahr, doch es glückte, denn was unter diesen Voraussetzungen am Rennweg in Zürich entstanden ist, gilt als Meilenstein in der Geschichte der modernen Hotelarchitektur: Der «Widder», 1995 eröffnet, wird als eines der ersten Designerhotels bezeichnet – hier soll den Gästen nicht einfach genormter Komfort, sondern ein individuell gestaltetes, spezielles Wohn- und Architekturerlebnis geboten werden.

von Gabrielle Boller

Aus der Retorte musste das in diesem Fall nicht gezaubert werden, denn das Besondere war schon vor Ort – acht verwinkelte, mittelalterliche Altstadthäuser, grösstenteils aus dem 13. Jahrhundert. Die Kunst bestand darin, das vielfältige Fassadenbild zu erhalten, innen die Stuben-und Kämmerchenordnung zu bewahren und trotzdem die hoteltypische Infrastruktur einzubauen. Dabei ergaben sich bereits bei der Statik Probleme, denn die Vorschriften für die Nutzlast bei einem modernen Hotelbau konnte die hölzerne Tragestruktur der historischen Wohn- und Zunftgebäude natürlich nicht erfüllen. Als Lösung wurden durchwegs sichtbare, als ästhetische Elemente konzipierte Träger aus Beton und Metall eingebaut, eine Art inneres Stützskelett, das die vorhandene Substanz nicht verletzt. Das Neue bleibt im Alten überhaupt stets erkennbar, und so führt der labyrinthische Weg durch den «Widder» auf Metalltreppen und Stiegen über verschiedene Geschosshöhen vorbei an Wandmalereien und altem Mauerwerk, alles bis hinein in die Zimmer sichtbar, ohnehin jedes davon anders und eine kleine Überraschung an Anmutung und Stil.

Tilla Theus, gerne auch mit dem Attribut «Stararchitektin» versehen, scheut, als eine der wenigen in der traditionell dem Kargen verpflichteten Schweizer Architektur, das Opulente nicht. Ob sie, wie beim Umbau der «Krone» in Dietikon, den Klassiker «Blümchentapete» in einen Wald von meterhohen Tulpen verwandelt, oder, wie im «Gran Café Motta» in Zürich, das angeranzte Flair einer italienischen Kaffeebar in glamouröse Grandezza ummünzt, sie mag die barocke Präsenz. Doch sie deswegen gleich als Königin der grossen Geste zu sehen, wäre verkehrt, denn auch wenn ihre Arbeit durchaus schillernde Blüten treibt, so kennzeichnet sie zuallererst Präzision und Sensibilität im Umgang mit Vorgefundenem. Die Fähigkeit, sich in einen Ort und dessen historische Essenz geradezu sinnlich einzufühlen, ist eine Spezialität und sicherlich eine grosse Passion von Tilla Theus. So erstaunt es nicht, dass der «Widder», dem sie vor zwei Jahren eine Verjüngungskur angedeihen liess – mehr Badewannen als Konferenztische sind heute gefragt – auch ein erklärtes Lieblingskind geblieben ist.


 1599,    23  Feb  2016 ,   Design & Architektur
bluebrowncustomgreenorangepinkredturquoiseyellow