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Design & Architektur

Das Ferrohaus (Pyramide am See)

Justus Dahinden, geboren 1925 in Zürich, studierte und promovierte an der ETH. Von 1974 bis 1996 war er Professor an der TU Wien und Leiter des Instituts für Raumgestaltung. Zu seinen wichtigsten Bauten zählen das Zelthaus auf der Rigi, das «Tantris» und die Freizeitstadt Schwabylon in München, die Bibliothek der TU Wien, das Einkaufszentrum Ostermundingen. Er hat über 30 Kirchenbauten in verschiedenen Ländern realisiert, darunter Maria Krönung in Zürich und die Kathedrale in Mityana (Uganda). Neben Stadtvisionen entwickelte er Bausysteme und ist Autor zahlreicher einflussreicher Schriften.

von Gabrielle Boller

Ein bisschen sieht das Gebäude tatsächlich aus wie eine Mischung aus Maya-Pyramide und Raumstation – so jedenfalls war es zur Entstehungszeit allenthalben zu lesen. Weniger schmeichelhaft wurde es vom derben Volksmund auch schon mal als «Rosthaufen » bezeichnet, denn das von Justus Dahinden 1970 erbaute Ferrohaus im Zürcher Seefeld-Quartier ist nicht nur von seiner Form, sondern auch von seinem Material her ausgesprochen ungewöhnlich. Die Verkleidung des von einer Metallfirma in Auftrag gegebenen Geschäftshauses bestand aus sogenanntem Cor-Ten-Stahl, der schnell, aber erwünscht rostet und eine korrosionshemmende Rostpatina bildet, wie man es auch etwa von Richard Serras monumentalen Skulpturen her kennt. Zusammen mit den kupferfarben getönten Schutzglasfenstern bot sich ein Ton-in-Ton gehaltenes Gesamtbild, das unweigerlich den Eindruck einer Art futuristischen Altertums ausserirdischer Gottheiten erweckte – bei der ganzen «New Age»-Bewegung in den Siebzigern kein ganz so entlegener Gedanke. Die Pyramidenform wählte Dahinden allerdings zuerst einmal wegen der Bauvorschriften, die für das sechsgeschossige Gebäude eine Zurückversetzung der oberen Stockwerke verlangte. Das kam ihm sicherlich ganz zupass, denn seiner Vorstellung entsprechend ist es die Schräge und nicht die Vertikale, die dem Menschen in der Architektur adäquat wäre – befreiend und in der Anordnung der Pyramide auch als Mittler zwischen Himmel und Erde wirkend, kommt sie in vielen seiner Gebäuden, beispielsweise dem Geborgenheit vermittelnden Nurdachhaus, zum Tragen. Um Gefühle geht es denn oft in der Architektur Justus Dahindens, der mit seinem ketzerischen Ausspruch, dass die Funktion der Form folgen müsse und nicht etwa umgekehrt, gegen den starren Rationalismus der Nachkriegsmoderne anging. Er ist der Auffassung, dass der Architekt vor allem auf das Wohlbefinden der Menschen in einem Gebäude achten müsse und spricht von den Empfindungsqualitäten, die von einem Raum ausgehen. So unterscheidet er etwa Imponier- von Entspannungsräumen – stimme die Empfindungsqualität nicht, erzeuge das beim Bewohner Stress. Neben aussergewöhnlichen Bauten in vielen Teilen der Welt gestaltete Justus Dahinden auch Bausysteme und entwarf Pläne für Idealstädte, wie etwa für die utopische Hügelstadt «Radio City». So gesehen ist die Ausnahmegestalt in der Schweizer Architekturszene vielleicht mit dem amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright vergleichbar, dessen forsch-visionären Ideen und Anleihen bei der Bautradition verschiedener Kulturen ähnlich avantgardistisch anmuten. «Komm herein!» soll ein Gebäude nach Dahinden dem Menschen zurufen. Welche auf rein zweckmässigen oder funktionsästhetischen Überlegungen basierende Architektur kann das schon leisten?


 1821,    10  Apr  2017 ,   Design & Architektur
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