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Design & Architektur

Berghaus Niesen

Bernhard Aebi, geboren 1963 in Langnau BE, studierte an der Ingenieurschule Burgdorf, wo er 1988 sein Diplom in Architektur erwarb. Pascal Vincent, geboren 1964 in Genf, erwarb sein Architekturdiplom 1989 an der ETH in Lausanne. Beide arbeiteten zusammen beim Atelier 5, bevor sie 1996 ihr eigenes, heute neunzig Mitarbeiter zählendes Büro in Bern und Genf eröffneten. Zu ihren bekanntesten Projekten zählen der Umbau und die Sanierung des Bundeshauses in Bern sowie die aktuellen Umbauten am Südtrakt des Hauptbahnhofs Zürich oder der Schweizerischen Nationalbank in Bern.

von Gabrielle Boller

Stellt man sich einen idealtypischen Berg vor, so sieht er irgendwie immer ein bisschen so aus wie der Niesen am Thunersee: ein gleichschenkliges Dreieck mit einem nicht allzu spitzen Winkel, sodass man zumindest in der Vorstellung leichtfüssig über seine Flanken zum Gipfel steigen kann. In der Realität besitzt der Niesen sogar eine Treppe mit 11674 Stufen, die alljährlich einmal zum traditionellen Niesenlauf erklommen werden dürfen, und eine der längsten Standseilbahnen Europas – damit auch weniger sportliche Berggänger in den Genuss des grandiosen Panoramas kommen. Seine perfekte Form, die Künstler von Hodler bis Klee inspirierte – Letzterem geriet er gar zum Parnass –, und die Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau liessen den Niesen schon im 19. Jahrhundert zu einem beliebten Ausflugsziel werden. 1856, fünfzig Jahre vor dem Bau der Bahn, wurde das alte Berghaus errichtet, das, wenn auch wunderschön nostalgisch, trotz mehrmaligen Anpassungen dem touristischen Ansturm des neuen Jahrhunderts irgendwann einmal nicht mehr gewachsen war. 1998 wurde ein Wettbewerb für den Umbau und die Sanierung des alten Berghauses ausgeschrieben, gewonnen hat ihn das Architekturbüro Aebi & Vincent aus Bern mit einem Projekt für eine sowohl kühne wie traumhaft transparente Architektur. Nach einjähriger Bauzeit konnte das Berghaus 2002 neu eröffnet werden; ein gläserner Anbau und eine fast schwebend erscheinende Terrasse setzen einen horizontal ausgerichteten Akzent an den Berg, der sowohl das historische Gebäude wie die Landschaft als Mitspieler respektvoll einbindet. Dabei weiss der Bau durchaus auch mit Spektakulärem aufzuwarten – im besten Sinne, denn das Atemberaubende erfährt der Besucher, wenn er sich auf den hölzernen Planken der Terrasse den glitzernden Gipfeln des Panoramas und dem im idealen Fall wolkenlosen Himmel so schrankenlos nah wie selten fühlen kann. Die Terrasse, oder, bei den hier erreichten 700 Quadratmetern besser: die Aussichtsplattform, ist denn auch ein Kernstück des Neubaus von Aebi & Vincent – dazu kommt ein Restaurantanbau mit leichtem, vorkragendem Dach und transparenter Glasfassade, der dem alten Hauptgebäude so an die Seite geschmiegt ist, dass dessen charakteristisches Krüppelwalmdach weiterhin den höchsten Punkt markiert. Der Erweiterungsbau hingegen ist von Weitem als horizontale Linie wahrnehmbar und prägt im Ensemble mit dem historischen Gebäude das neue Erscheinungsbild mit klaren geometrischen Formen.

Die Frage, wie man in einer eindrücklichen Bergwelt baut, haben Aebi & Vincent so gelöst, dass sie mit wenigen, behutsamen, aber klar definierten architektonischen Eingriffen den Berg ins Zentrum stellen – seiner Vertikalität setzen sie eine feine, fast transparente horizontale Linie gegenüber, seine Mächtigkeit fangen sie ein, indem sie den Blick auf ihn grösstmöglich freigeben. Für ihren Dialog mit dem Niesen erhielten Aebi & Vincent 2006 denn auch den Architekturpreis «Neues Bauen in den Alpen».


 2386,    01  Sep  2016 ,   Design & Architektur

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