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Westschweiz

Der Kornsack

 
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Vor manchem Jahr besassen die Leute von Grimentz im tiefer gelegenen, dreigestaffelten Dörflein St. Jean noch etliche kleine Kornäcker, auch ein wenig Weideland und Speicher.

Vor manchem Jahr besassen die Leute von Grimentz im tiefer gelegenen, dreigestaffelten Dörflein St. Jean noch etliche kleine Kornäcker, auch ein wenig Weideland und Speicher. Wenn sie im Frühjahr mit ihrem Vieh und der Wohnhabe von den Weinbergen in Siders, heraufkamen, blieben sie einige Tage dort, um die paar Äckerlein zu besorgen und das Vieh zu weiden.

Einmal soll auch ein Grimentzer mit seinem Maultier nach St. Jean herunter geritten sein, um dort in seinem Speicher einen Sack Korn zu holen, denn die Zeit des Mahlens war gekommen. Als er das Korn in den Sack abgefüllt hatte und sich wieder auf den Heimweg begeben wollte, kam ein Mann aus St. Jean zum Wässern und es entspann sich alsbald ein Gespräch, wie dies unter Nachbarn üblich ist. Da sie beide durstig waren und sich im Eifischtal bei Wein besser plaudern lässt, fand der Mann von St. Jean, sie könnten doch zusammen in seinem unweit gelegenen Keller gehen und einen Becher trinken. Der Grimentzer lies sich nicht lange nötigen, sondern band sein Maultier an einen Baum und folgte dem anderen in den Keller. Aus einem Becher wurden aber mehrere und da der Mann aus St. Jean die Holzbecher mit seinem ältesten Gletscherwein füllte, gerieten beide recht bald in eine lustige und sorglose Stimmung.

Es war schon tiefe Nacht, als der Grimentzer endlich aufbrach. Keine Sterne funkelten am Himmel und die Zeit des wachsenden Mondes war noch nicht gekommen. Zusammen legten sie noch den schweren Kornsack auf den Rücken des Maultiers, das lange genug auf die lustigen Zecher hatte warten müssen.

Dann verabschiedeten sich die beiden Männer mit vergnügten Spässen; der eine schwankte schwer in sein nahes Haus, der andere torkelte hinter seinem Maultier her, da dieses den Weg besser fand wie sein Meister.
Damals gab es natürlich die breite Strasse, die sich in weiten Schleifen zum Dorf hinauf windet noch nicht, sondern nur einen schmalen Saumweg, der auch heute noch viel begangen wird. Trotzdem die Nacht sehr finster war, fürchtete sich der Grimentzer nicht im Geringsten. Er hatte keine Angst vor Geistern und Teufeln und er hörte auch das wispernde Klagen des Windes in den Lärchen nicht oder die geheimnisvoll murmelnden Stimmen der fallenden Wasser. Er sang im Gegenteil lustig vor sich hin, war guter Dinge und stiess sogar von Zeit zu Zeit einen hellen Jauchzer aus seiner trunkenen Kehle. Um nicht vom Wege zu geraten, hielt er sich kurzerhand am Schweif seines Maultiers fest, das ruhig und gelassen auf dem ihm vertrauten Weg vorwärts schritt.

Nun klettert aber knapp eine Viertelstunde hinter St. Jean der Saumweg steil durch die alten Tannen und Lärchen hinauf und in den Nächten ist es oft recht unheimlich dort. Der Weg wird zu einem schmalen Band, das gerade noch breit genug ist, einen Menschen oder ein Maultier durchzulassen. Eine wild zerklüftete, überhängende Felswand strebt fast wie ein Alpdruck zum Himmel auf und fällt neben dem Weg etwas weniger steil in die Tiefe.

Als nun der Mann fröhlich singend und jauchzend daherkam, fiel plötzlich der Kornsack vom Rücken des Maultiers und plumpste zum Glück nicht in die schwarze Tiefe, sondern auf die Seite der Wand.

Der Grimentzer war zuerst verdutzt, denn noch nie hatte sein Maultier eine Ladung verloren. Er versuchte den Sack aufzuheben, doch war es ein aussichtsloses Bemühen, hatten sie sich doch zu zweit in St. Jean ordentlich anstrengen müssen. Er kratze sich hinter den Ohren und wusste sich nicht zu helfen. Schliesslich dachte er, es bliebe ihm nichts anderes übrig, wie den Sack an der Wand liegen zu lassen und am anderen Morgen nochmals zu kommen. Da er so unerwartet aus seiner lustigen Stimmung aufgeschreckt worden war, begann er übellaunig zu fluchen und beschimpfte zornig sein braves Maultier, das an dem Ungemach wirklich keine Schuld trug.

Er war noch mitten darin, sein armes Tier zu beschimpfen, als plötzlich von oben herab ein gross gewachsener Mann erschien. Er vermochte den Fremden nicht zu erkennen und klagte ihm unverzüglich sein Missgeschick.

„Gott sei gelobt!“, sagte er leutselig trunken, „ohne sie müsste ich leer ins Dorf zurückkehren. Wenn sie die Güte haben wollen, an einem Ende anzufassen, dann kann es nicht mehr fehlen.“

Der Fremde hatte kein Wort gesprochen. Ohne lange Flausen bückte er sich, nahm den schweren Kornsack auf, wie wenn nichts darin wäre und legte ihn mit einem leichten Schwung auf den Rücken des Maultiers.
Man kann sich nun leicht denken, wie der Grimentzer über die unerhörte Kraft des Fremden staunte. Trotz seiner Trunkenheit erschrak er sogar und fühlte, dass dies nicht mit rechten Dingen geschehen sein konnte. Er näherte sich vorsichtig dem Fremden und fuhr entsetzt zurück, denn er blickte nicht in das Gesicht eines lebendigen Menschen, sondern in das Antlitz eines Toten. Zwei finstere Höhlen starrten ihn an, die Nase fehlte und die entfleischten Zähne waren fürchterlich anzuschauen. Das fahle Gebein des Toten aber schimmerte bläulich durch die Kleider.

Der Grimentzer musste sich abwenden, so sehr fuhr ihm das Entsetzen in die Glieder. Vor Angst begann er zu zittern und zu stammeln und wäre am liebsten vor Schreck in den Abgrund gesprungen, wenn er sich überhaupt hätte vom Fleck rühren können, aber es war, als hielte ihn eine unsichtbare Hand fest.
Da sprach der Tote mit einer hohlen, schauerlich tönenden Stimme: „Diesmal soll dir noch nichts geschehen und ich bin dir behilflich gewesen, damit du deinen Weg nach Hause fortsetzen kannst. Künftig aber schreie und jauchze nicht mehr wie ein Unflat, denn du störst den Schlaf der Toten!“

Der Unheimliche verschwand, aber es ging noch eine geraume Weile, bis der Grimentzer sich von seinem Schreck erholt hatte. Die furchtbare Angst hatte ihm seine Nüchternheit mit einem Schlag wieder zurückgebracht und er schritt mit seinem Maultier still und eingeschüchtert nach Hause.

Fortan richtete er es so ein, dass er noch bei Tag ins Dorf zurückkehrte, wenn er in St. Jean zu tun hatte. Er liess sich auch nicht mehr so leicht zu einem Glas Wein einladen und trank nie mehr, wie er ertragen konnte. Wenn er trotzdem einmal von der Nacht überrascht wurde, sang und jauchzte er nicht mehr wie ein Wilder, sondern ging still hinter seinem Maultier her. Er respektierte den leichten Schlaf der armen Seelen und wurde auch nie mehr von ihnen zur Rede gestellt.

Textquelle: Kilian Peter, Walliser Sagen. Geschichten aus dem Val d"Anniviers, Basel (um 1940). Von Patrik Litscher am 29. August 2007 zugesandt.


 2068,    24  Feb  2016 ,   Westschweiz